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Favoritenstraße 27 – Wiedererweckung eines Biedermeierhauses
An der Favoritenstraße, Ecke Karolinengasse erhebt sich ein viergeschoßiges Zinshaus aus dem Jahr 1844, dessen kräftige, bis zu 90 cm starke Außenmauern die Handschrift des Biedermeier tragen. Nach Jahrzehnten der Abnutzung wurde das Gebäude 2004 behutsam und zugleich entschieden transformiert. Die Bestandsgeschoße – allgemeine Bereiche wie leerstehende Wohnungen – erfuhren eine grundlegende Sanierung; im Südtrakt wurden sämtliche Decken erneuert, das Dach abgetragen und durch eine dreigeschoßige Aufstockung mit 22 neuen Wohneinheiten ersetzt. Ergänzt wird das Ensemble durch eine Tiefgarage mit 31 Stellplätzen, eine erdgeschoßige Halle im Hof und einen darüberliegenden Hallenzubau.
Im Unterschied zur dichten, mehrtrakttiefen Nachbarschaft mit engen Lichthöfen zeichnet sich das Grundstück durch eine rund 12 Meter tiefe Blockrandverbauung aus, die einen großzügigen, parkähnlichen Innenhof fasst. Diese räumliche Großzügigkeit bildet das Herz der Neuinterpretation. Auf das massive Mauerwerk des Bestands wurde eine Stahlbetonkonstruktion gesetzt, die mit außenliegenden Wandscheiben und aufgelöster Mittelwand der Logik des Altbaus folgt und zugleich maximale Flexibilität der Grundrisse ermöglicht. Die Aufstockung versteht sich als „Haus am Haus“: fensterdurchbrochene, gewichtsreduzierte Stahlbetonwände, eine mittige Installationszone und an der Straßenfront eine rhythmisierte Fassade mit aluminiumgegossenem, vegetabilem Vorsatzlayer, gefasst von fein auskragenden Gesimsen. So entsteht eine schillernde Dachzone, die den Takt der historischen Fassade aufnimmt und ihr eine plastische Krone aufsetzt.
Ein wesentliches neues Element ist das vom Bestand rund 2,5 Meter abgerückte Erschließungsgerüst im Hof. Leichte Stahlrahmen mit Betonplatten verbinden die beiden Stiegenhäuser und führen über Laubengänge zu den Wohnungen. Diese Stege weiten sich zu privaten Eingangsbalkonen, orientiert zum dichten Baumbestand des Innenhofs. Die Neubauwohnungen mit 2,68 Meter Raumhöhe werden über einen vorgelagerten Balkon betreten; ein innenliegender Windfang in Form eines Gipskartonkubus filtert den Übergang in den Wohnraum. Sanitär- und Kochbereiche sind kompakt im Kern organisiert, Wohn- und Schlafräume teils ost- und westseitig belichtet. Das Haus wendet sich damit bewusst vom lärmenden Straßenraum ab und öffnet sich dem grünen, lichten Hof – eine architektonische Geste der Hinwendung zum ruhigen Inneren.
„Grüne Resonanzräume“ – Die heilsame Kraft der Begrünung in der Stadtsanierung
Sämtliche Dachflächen wurden als extensive Gründächer, teils mit Terrassen, ausgeführt. Die neue Hofhalle erhielt ein intensives Gründach, aus dem Rankpflanzen emporwachsen und das vorgelagerte Laubenganggerüst begrünen. Was einst ein versiegelter, grauer Innenhof war, verwandelte sich in eine vielschichtige Vegetationslandschaft. Das landschaftsplanerische Konzept – entwickelt vom Büro Auböck und Karasz – setzte auf robuste, standortgerechte Pflanzengesellschaften. Bereits kurz nach Fertigstellung siedelten sich zusätzliche Arten aus der Umgebung an; heute blüht es über die gesamte Vegetationsperiode hinweg. Insekten, Vögel und Fledermäuse finden hier Nahrung und Habitat – ein ökologischer Trittstein im dicht verbauten Stadtraum.
Gerade in der Sanierung innerstädtischer Bestandsbauten entfaltet Begrünung ihre besondere Wirksamkeit. Sie verbessert das Mikroklima, reduziert sommerliche Überhitzung durch Verdunstungskühle und Verschattung, bindet Feinstaub und speichert Regenwasser. Zugleich erhöht sie die Aufenthaltsqualität: Der Blick ins Grün fördert nachweislich das Wohlbefinden, mindert Stress und steigert die Identifikation der Bewohner mit ihrem Lebensraum.
In der Favoritenstraße 27 wird Begrünung damit zum vermittelnden Medium zwischen Alt und Neu, zwischen gebauter Dichte und atmender Natur. Das Erschließungsgerüst wird zur pergolaartigen Schwelle, die Wohnungen zu Logen im Blätterraum. Die Sanierung erschöpft sich nicht in technischer Erneuerung, sondern begreift das Gebäude als urbanes Ökosystem. So entsteht im Herzen der Stadt ein Resonanzraum, in dem Architektur und Vegetation einander durchdringen – ein leises, doch nachhaltiges Versprechen an die Zukunft des Bestands.
Fakten
Wohnhausanlage Favoritenstraße 27
1040 Wien, Favoritenstraße 27
Auftraggeber / Projektentwicklung:
DI Martin Schwanzer, Parkring 4, 1010 Wien
Planungsbeginn: 1997
Baubeginn: 2004
Fertigstellung: 2005
Grundstücksfläche: 1.900 m²
Bestand: 2.900 m²
Neu Wohnungen: 1.600 m²
Neu Gewerbe: 1.100 m²
Stellplätze: 31 Stück
Konsulenten:
Statik: FLW
HKLS: Introplan
Elektroinstallation: Introplan
Bauphysik: Ziv.Ing. Walter Prause
Vermessung: Fellinger
Architekt + Generalplaner: Rüdiger Lainer + Partner
Planungsteam:
Rüdiger Lainer, Oliver Sterl (Pl), Klaus Leitner, Heidelinde Mickal, Maria Siencnik, Michael Strobl
Fotos: AnnA BlaU