Text
Das Wohn- und Geschäftsgebäude Siccardsburggasse 83–85, errichtet 1987, wird von RLP – Rüdiger Lainer + Partner Architekten – im Auftrag der GESIBA umfassend saniert. Neben thermischer Ertüchtigung, Abdichtungen und neuen Balkonen umfasst das Projekt auch Fassaden- und Dachbegrünung, eine PV-Anlage sowie die Sanierung der Tiefgarage mit Ladepunkten für Elektromobilität.
Ziel war es, Lösungsansätze für soziale, klimatische und thermisch-energetische Nachhaltigkeit sowie unterschiedliche kreislaufwirtschaftliche Konzepte zu prüfen und jene Varianten zu identifizieren, die technisch, finanziell und haftungsrechtlich tragfähig sind.
Fassadenvarianten
Für die Fassade wurden sechs Systeme verglichen: unter anderem EPS als kostengünstige Standardlösung, Hanf als ökologische Alternative und Steico-Holzfaserfassade als zirkuläre Lösung mit Weiterverwendung der bestehenden Unterkonstruktion. Ausschreibungen zeigten jedoch: Die Mehrkosten waren erheblich, und kein Unternehmen war bereit, für die Wiederverwendung der alten Unterkonstruktion Gewährleistung zu übernehmen. Beauftragt wurde daher die Hanf-Fassade – ökologisch sinnvoll und haftungsrechtlich unproblematisch.
Fenstervarianten
Auch die Fenster wurden in vier Varianten geprüft: Sanierung mit neuer 3-Scheiben-Verglasung, Sanierung mit VIG-Verglasung, Teilaustausch bei Erhalt des Blindstocks oder vollständiger Neubau. Die Sanierungsvarianten hätten Bestandsmaterialien genutzt, waren jedoch technisch herausfordernd: Das zusätzliche Gewicht und die nötigen Eingriffe in die 35 Jahre alten Mahagoni-Rahmen führten zu Haftungsbedenken. Übrig blieb nur Variante 3 – Erhalt des Blindstocks mit neuen Fenstern.
Zentrale Learnings
Der Prozess zeigt, dass zirkuläre Ansätze zwar technisch machbar und ökologisch wertvoll sind, derzeit jedoch aufgrund von Kosten und Haftungsrisiken nur unter speziellen Bedingungen umgesetzt werden können. Für gemeinnützige Bauträger kommt erschwerend hinzu, dass Investitionen innerhalb von 20 Jahren amortisiert werden müssen und die Weiterverrechnung an Mieter streng begrenzt ist. Damit sind langfristig nachhaltige, aber kurzfristig teurere Lösungen kaum umsetzbar.
Erforderliche Rahmenbedingungen wären:
- Haftungsfonds für Schäden bei Wiederverwendung von Materialien / Untergründen.
- Verlängerung des Amortisations- und Finanzierungszeitraums (z. B. auf 66 Jahre).
- Fixer Zuschlag (z. B. € 4/m²/Monat) für kreislaufwirtschaftliche Sanierungen ohne Zustimmung der Mieter.
Resümee
Die Sanierung Siccardsburggasse 83–85 zeigt, wie anspruchsvoll die Balance zwischen ökologischen, kreislaufwirtschaftlichen, sozialen und ökonomischen Zielen ist. Der Planungsprozess hat verdeutlicht, dass Kreislaufwirtschaft nicht nur auf eine technische Frage der Materialkreisläufe reduziert werden kann, sondern eine integrale Strategie, die Wohnqualität, soziale Akzeptanz und klimaresiliente Stadtentwicklung einschließt.
Damit solche Ansätze tatsächlich umgesetzt werden können, müssen rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen gezielt weiterentwickelt werden.
Fakten
Sanierung Siccardsburggasse 83–85
1100 Wien
Grundstückfläche: ca. 3800 m²
Baubeginn September 2025
Bauträger: GESIBA Gemeinnützige Siedlungs- und Bauaktiengesellschaft
Architekten: RLP Rüdiger Lainer + Partner